Bloggertreffen, selbstkritisch: Die dritte Re:publica bittet zum Pogo

02/04/2009 um 06:19 | Veröffentlicht in Aussenwelt, Internet, Iphone | 3 Kommentare
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dscn0332Auf den sonnenbestrahlten Stufen des Berliner Friedrichstadtpalasts allgemeines Blind Date: Einander wildfremde Menschen erkennen sich an  Spitznamen auf ihren Tagungs-Teilnehmer-Umhängeschildchen und finden so im Gegenüber verwandte Seelen, denen sie seit Monaten „followen“, sprich: Deren Tweet sie lesen, sprich: Deren öffentliche Kurznachrichten sie interessant oder originell finden.

Die dreitägigen Blogger-Tagung re:publica unter dem Motto „Shift happens“  hat sich in ihrem dritten Jahr professionalisiert, füllt große Räume (Friedrichstadtpalast und Kalkscheune), hat alle ihre Dauertickets verkauft, bietet 180 Veranstaltungen  und erwartet 1600 Besucher. Auch im Programm steht vieles, das wirklich interessant klingt. Trotzdem sieht es schwer nach Schulhof aus: Der Coolste ist offenbar der Punk mit dem Irokesen. Der eine Kräftige punktet durch Klugheit und Gelassenheit. Der andere Kräftige durch Bissigkeit. Der zurückgekehrte Austauschschüler setzt die Basecap seiner US-Highschool nicht mehr ab und fordert mehr amerikanische Spontaneität beim Bloggen. Der fröhliche Klassensprecher hat vom letzten Schottlandtrecking einen Rock mitgebracht und schafft es, alle  eloquent in einem versöhnlichen Gespräch zu halten. Alle tragen Converse und es werden heimlich Jokes an die Tafel gekritzelt. Gelästert wird hinter dem Rücken, sprich: Auf Twitter. Ein paar mäkelnde Studienräte sind auch dabei, die den modischen Entwicklungen Kompetenz und Niveau absprechen. Und die eigentlich interessanten Gespräche führen die bebrillten Nerds, die den naturwissenschaftlichen Trakt auch zur großen Pause nicht verlassen und dafür aber, vom Schulhof unbemerkt, alle Fragen längst untersucht und geklärt haben. Wer allerdings schmerzlich fehlt im Schulhofensemble, das sind die Prinzessinnen. Wo seid ihr, Mädels? Wir brauchen Euch für den Glanz!

Im Licht der Laptopscreens und Iphones twittert das Publikum friedlich vor sich hin, während sich auf dem großen Podium mehrfach eine selbstkritische Stimmung breit macht: Die deutsche Bloggersphere hinke dem Zeitgeist hinterher, erzeuge zu wenig Content, zu wenig Diskussionen und dafür zu viel Geplauder, in dem das eigentlich Wichtige untergehe. Merkwürdig spröde gibt sich da ausgerechnet Jakob Augstein, Herausgeber des Wochenmagazins Freitag, das ja nun als erstes Printprodukt die Online-Community aktiv einbezieht. Augstein grantelt sowohl, dass er auf die Print-Form verzichten könne, als auch, dass die Bloggersphere niemals das journalistische Niveau des Kooperationpartners Guardian erreichen könne. Eventuell ist beides richtig, aber sollten das nicht eher seine Kritiker sagen? Man möchte ihn fast trösten damit, dass seine Zeitung tatsächlich einen Service bietet, interessanten Texte in Print-Qualität und mit ebensolchen Bildern mit dem zu verbinden, was die Onlinewelt dringend braucht: Zeitsparende Wegweiser durchs Geschwätz.

Da nämlich liegt Podiumsnachbar und Radioverteran Helmut Lehnert ja nicht ganz falsch, wenn er im Blogging und Microblogging zuviel Spreu und zu wenig Weizen findet und von der flachsenden Twitterwand in seinem Rücken in diesem Verdacht sofort bestätigt wird. Da er sich aber offenbar gerade in seiner höchstpersönlichen Medienkrise befindet und sich dem Thema eigentlich verweigert, ist irgendwie unklar, was er auf dem Podium macht, außer seinem alten Freund Johnny die Pfote zu halten. Der verliert in dieser Runde leider irgendwie den Gesprächsfaden, was daran liegen mag, dass den beiden grummelnden Medienprofis zu seiner rechten von Seiten der zufriedenen Content-Verwertern (Peter Hogenkamp von Blogverlag Blogwerk und jemandem von Medienboard) zu seiner Linken intellektuell nicht viel entgegen schallt.

Irgendwann mittags hatte IBM-Referent Adam Christensen einen Vortrag heruntergeleiert, der sich nannte: „The social media Experiment is over. Now it is time to extract value for business and society“. Was er an dieser Stelle nicht näher bringen konnte, erklärte Peter Schuett nach der Mittagspause in der IBM-Parallel-Veranstaltung. Wie IBM nämlich die Möglichkeiten des Social Networkings nutzt, um die Hirne der Mitarbeiter möglichst effizient zu vernetzen. Zwar wird im Laufe des Nachmittags klar, dass es auch hier nicht ganz ohne Geplauder geht (Marketing-Chef Ed Brill, anwesend per Telefonvortrag, verlieh durch sein persönliches Blog dem Unternehmen ein freundliches Gesicht), dennoch scheint im Business zu funktionieren, was im geöffneten Feuilleton Verdruss schafft: Das Gespräch wird gebündelt und sortiert und dies, kann man den Vortragenden glauben schenken, zu Gunsten der Effizienz und unter Unterwanderung der Unternehmenshierarchie. Man darf beim Zuhören aber nicht vergessen, dass hier für ein Produkt geworben wird, eine Software, die unter Einbeziehung sämtlicher kommunikations-Tools eben dies können soll: Ein Unternehmen mit zigtausenden von Mitarbeitern in ein interessantes Gespräch verwickeln.

Möge dies doch den selbstorganisierten Bloggern auf der großen Bühne auch gelingen. Doch das Programm der kommenden Tage liest sich spannend genug, als das große Hoffnung besteht. Trotz des schleppenden Anfangs – Selbstkritik ist ja immer der erste Schritt zur Veränderung. Shift Happens. Wir freuen uns drauf.

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3 Kommentare »

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  1. Interessanter Bericht, der zur Folge hat, dass ich mich noch mehr ärgere, nicht dabeisein zu können.
    Liebe Grüße aus Wien,
    Kathiza

  2. … folge momentan auch nur von Ferne wg Schnupfen – denn es gibt den Livestream auf http://www.re-publica.de/09 bzw. direkt auf http://make.tv/republica2009 (und die dazugehörige Twitterwall unter #rp09). Viele Grüße!

  3. Super, danke für die Links


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